Jörg
PSNXbox Live Arcade

Amy

Feb 022012
 

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„Gut Ding will Weile haben“ lautet eine alte Redewendung. Manchmal möchte man dem Volksmund zurufen, er soll doch einfach mal die Schnauze halten. Denn ihr kennt das sicher alle, dass ihr euch lange auf ein Spiel freut, welches dann aber in jedem Punkt jämmerlich enttäuscht. Eigentlich habe ich das mittlerweile ganz gut raus, meist schon anhand der Screenshots, aber spätestens nach dem ersten Gameplay-Trailer die Luschen auszumachen. Im Falle von Amy ist mir das im Vorfeld leider nicht gelungen, weshalb die Enttäuschung umso schwerer wiegt. Aber fangen wir von vorne an.

Mit einem kleinen Mädchen an der Hand, laufe ich durch’s infizierte Land

Das Prinzip der „weichen“ Charaktere ist nicht neu, schon in einigen Spielen zuvor steuerten wir einen Protagonisten, der nicht gut auf Feindkontakt zu sprechen ist (z.B. Silent Hill). In Amy wird das Konzept noch einen Schritt weitergeführt, denn der Spieler ist nicht nur für sich selbst zuständig, sondern muss zusätzlich noch auf ein kleines Mädchen – die autistische und stumme Amy – achtgeben, welches er nur indirekt steuern oder an die Hand nehmen kann. Genau diese Idee hat mich auch seit der Ankündigung begeistert und hieraus hätte wirklich etwas Spannendes entstehen können.

Die ersten Minuten geben auch noch keinen Anlass zur Sorge, außer einem schon etliche Male dagewesenen Anfang (Zugunglück in die Idylle hinein, Bevölkerung ist schlagartig infiziert), beginnt das Spiel recht vielversprechend. Zunächst begeben wir uns mit Lana, die wir direkt stuern dürfen, auf die Suche nach ihrer Tochter. Haben wir das Kind erst einmal aufgespürt, knüpfen wir tatsächlich zarte Bande zu dem schlecht animierten Polygonmodell. Doch davon bleibt im weiteren Verlauf leider kaum noch etwas übrig. Denn statt das Konzept irgendwie originell weiterzuspinnen, verannten sich die Designer in langweilige, immer gleich verlaufende Schalter- und Kisten-Verschiebe-Rätsel, die schlicht und ergreifend nerven. Genau wie die Schleicheinlagen durch Minenfelder, durch die ihr euch in Minimalstgeschwindigkeit sowohl auf dem Hin-, als auch auf dem Rückweg quält. Solche uninspirierten, billigen Spielelemente kommen leider viel zu oft vor und sind einfach fehl am Platze.

Schlecht geklaut bei Ico, Dead Space, Resident Evil und Co.

Dazu kommt, dass Lana ebenfalls infiziert wurde, an ihrem Gesicht und einer Anzeige auf dem Rücken (ähnlich wie in Dead Space) lässt sich der aktuelle Grad der Kontaminierung ablesen. Durch sporadisch herumliegende Spritzen oder die Nähe zu Amy ist eine Heilung möglich, durch die Trennung zur lebensverlängernden Tochter wird ein Zeitlimit bei der Lösung vieler Rätsel auferlegt. Hier hat eine nette Idee den Weg ins Spiel gefunden, denn wenn Lana ordentlich „verballert“ langsam durch die Gänge streift, denken die Monster sie wäre eine von ihnen. Und wenn wir schon bei den positiven Punkten sind: für einen Download-Titel von einem kleinen Studio beeindruckt die Optik, lediglich die hölzernen Gesichtszüge sind nicht so schön geraten.

Das Gameplay wurde im Vorfeld mit dem Wort „dynamisch“ angepriesen, allerdings trifft „kümmerlich“ es besser. Weit auseinanderliegende Speicherpunkte lassen sich ja eigentlich verschmerzen, solange das, was dazwischen passiert, auch einigermaßen fair vonstatten geht. Vom echten Leben erwarte ich keine Fairness, von einem Spiel dagegen schon. Das Speichersystem wurde generell komplett unfreundlich gestaltet. Auf Festplatte gespeichert wird nur am Ende einer Episode, wenn ihr also unerwartet die Konsole ausschalten müsst, dann waren alle Anstrengungen für die Katz. In welchen Bereichen Amy weiterhin versagt, möchte ich euch gerne schildern.

Versuch und Tod liegen dicht beieinander

Zum einen wird einem nicht konkret genug gesagt, was es als nächstes zu tun gibt; es gibt keine Karte und nur wenige Anhaltspunkte. Trial & Error kann auch Spaß machen (wie uns Super Meat Boy gezeigt hat), wenn man aber keinerlei Rückmeldung bekommt, ob man sich auf dem richtigen Weg befindet und fortwährend die selben Dinge immer und immer wiederholen muss (etwa weil einige Feindkontakte sofort tödlich enden), bis man frustriert auf eine Lösung im Netz zurückgreift, dann macht das definitiv KEINEN Spaß. Ich erkunde gerne die Umgebung, schleiche mich auch mit Vorliebe an den Bösewichten vorbei, aber beides hat mich hier größtenteils frustriert.

Der zweiten großen Bereich macht für mich die Unbeständigkeit der Regeln aus. Die ganze Zeit darf man z.B. von Infizierten gesehen werden, welche dann lediglich die Verfolgung aufnehmen, im fünften Abschnitt ist dagegen das Level plötzlich gescheitert, sobald einer der Nicht-Zombies einen erblickt. Einfach so, ohne Erklärung. Bei einigen Leitern kann die nervige Kletteranimation abgebrochen werden, bei anderen nicht. Um weitere Beispiele aufzuführen (die es definitiv gibt), müsste ich das Game noch einmal durchspielen, aber dazu fehlt mir jegliche Motivation.

Was lange währt…

Ich war lange Zeit sehr neugierig auf die Veröffentlichung und habe gespannt die spärlichen Infos im Vorfeld verfolgt. Mit einem in der Summe derart verhunzten Spiel hätte ich wirklich nicht gerechnet und bin nicht nur enttäuscht, sondern sogar richtiggehend wütend über das, was hier abgeliefert wurde. Anscheinend gefällt es den Spielern da draußen aber mehr als den Kritikern, denn nach über 500 Bewertungen auf Xbox-Marktplatz (Deutschland), liegt der Durchschnitt bei knapp vier von fünf Punkten. Wenn es einem von euch gut gefallen hat, würde ich mich über einen Kommentar diesbezüglich sehr freuen.

Es ist freilich nicht alles furchtbar schlecht an Amy, manche Stellen machen sogar Spaß, sobald man genau weiß, was zu tun ist. Doch dieser wenige Spaß wird mit so viel Frust aufgewogen, dass am Ende das negative Gefühl das positive gierig verschlingt. Im Gegensatz zu anderen Testern kann ich an der Steuerung und den Kämpfen keine groben Schnitzer ausmachen. Nach ein wenig Übung ist es ein Leichtes, den Gegner auszuweichen und sie mit gezielten Schlägen auszuschalten. Allerdings möchte ich euch an dieser Stelle dazu aufrufen, unbedingt auf „Leicht“ zu beginnen, da schon auf „Normal“ der Frustfaktor nochmals enorm in die Höhe schnellt.

Rating: ★★☆☆☆

Preis: 9,99€ / $9,99

Homepage / PlayStation-Infoseite

Preis: 800 Microsoft Points (zum Marktplatz)

Unlockables: Keine

Homepage / Forum

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  • Schade, als es Angekündigt wurde fand ich das Konzept sehr interessant.
    Hatte aber so viel zu Zocken das ich es vergessen hatte.
    Jetzt wo ich das gelesen habe werde ich zwar die Demo anspielen, aber dabei wird es wohl bleiben…