Okt 272013
 

Da soll ein Franchise wohl richtig ausgequetscht werden – das war mein erster Gedanke. Auf die zwei erfolgreichen Western-Shooter Call of Juarez und CoJ: Bound in Blood folgte CoJ: The Cartel, das nicht mehr im Wilden Westen des 19. Jahrhunderts, sondern mitten in Drogenkriegen der Moderne stattfand. Der dritte Teil kam bei niemandem gut an und die Serie wurde schon abgeschrieben. Doch die Leute von Techland setzten sich noch einmal zusammen, um einen Download-Ableger der Call of Juarez -Reihe zu machen. Ich zweifelte stark an, dass hier die Serie zu altem Glanz zurückgeführt werden kann, für mich sah das Ganze nach einem weiteren Fall von Leichenfledderei aus.

Kopp in‘ Nacken und viel schnacken!

Das „kleine“ Call of Juarez trägt den Untertitel „Gunslinger“ und der Revolverheld heißt Silas Greaves. Dieser stolpert in einen kleinen Saloon, verlangt nach einem Drink und setzt sich an einen freien Tisch. Der Name des Mannes scheint vielen bekannt und so sammeln sich schnell einige Leute um ihn und wollen seine Geschichten hören. Silas lässt sich nicht zweimal bitten und startet sofort mit seinen Erzählungen. In diesem Moment schlüpft der Spieler in die Rolle Revolvermannes und spielt verschiedene Episoden aus dessen Leben nach. Zunächst wandert Silas nur über trockenes Präriegras, vorbei an hölzernen Wegweisern und weidenden Kühen. Doch natürlich sind die ersten Widersacher nicht weit und man darf sich schnell in klassischer Ego-Shooter-Manier quer durch die USA ballern.

Ich fühlte mich in der Haut von Silas und der rauen Welt des „Wilden Westens“ sofort wohl. Der Umgang mit den Revolvern fällt leicht und die Spielmechanik braucht sich vor Genre-Kollegen nicht verstecken, obwohl oder gerade, weil die alten Eisen ein anderes Schießverhalten als ihre modernen Kollegen haben. Um effektiv zu agieren, ist das Zielen über Kimme und Korn unerlässlich und auch die Deckung sollte nicht vernachlässigt werden. Etwas ungewöhnlich scheinen im ersten Moment die Zahlen, die beim Kämpfen neben den Feinden erscheinen. Diese zeigen die gewonnenen Punkte an, die je nach Trefferzone und Schussmechanik variieren. Mit den Punkten lädt sich eine Fähigkeit auf, die fast identisch mit dem Konzentrationsmodus aus den Vorgängern ist. Einmal aktiviert, bewegen sich die Feinde in Zeitlupe und ihr dürft in Ruhe anvisieren und abdrücken, um aus brenzligen Situationen zu kommen oder noch mehr Punkte zu sammeln.

Das ist wichtig, denn die Punkte erweitern neben der Konzentrationsleiste auch den Erfahrungshorizont des Revolverhelden. Hat Silas eine bestimmte Punktzahl erreicht, dann steigt er einen Level auf und lernt eine neue Fähigkeit dazu. Als Spieler darf man sich dabei zwischen drei verschiedenen Fähigkeitenbäumen entscheiden, die im Prinzip die drei verschiedenen Waffengattungen des Spiels widerspiegeln. Als Revolverheld wird der Umgang mit den klassischen Schießeisen verbessern, Nahkämpfer gehen mit der Schrotflinte den Weg des Trappers und wer lieber mit Gewehren über Distanz agiert, erweitert seine Fähigkeiten als Ranger. Zwar sollte man sich zu Beginn auf einen der drei Wege spezialisieren, es sei aber gesagt, dass im Verlauf des Spiels nahezu alle Fähigkeiten der drei Talente freigeschaltet werden.

Geschichtenverbesserer

Bis hierhin ist CoJ: Gunslinger rein spieltechnisch ein gelungener Ego-Shooter, doch wider den Erwartungen schaffen es die Entwickler sogar in den Kategorien Spielwelt und Story zu überzeugen. Silas Greaves besucht viele verschiedene Orte, die leicht als Western-Klischees abgetan werden können aber letztendlich sehr stimmungsvoll und abwechslungsreich inszeniert sind. So schießt sich der Revolverheld im Verlauf seiner Erzählung durch verlassene Dörfer, dunkle Minen, neblige Sümpfe und herbstliche Wälder. Die Grafik kann sich auf jeden Fall sehen lassen und bei einigen Szenen sorgen die kräftigen Farben und Lichteffekte für schöne Panoramen.

Noch mehr Stimmung wird durch den historischen Kontext des Spiels aufgebaut, denn während seiner Erzählung trifft Silas auf bekannte Westernhelden und -bösewichte, wie etwa Billy the Kid, Jesse James oder Butch Cassidy. Das sorgt für einige Überraschungen und Schmunzler, zumal Silas die uns bekannten Fakten anders darstellt. Doch nicht nur an der Historie, auch an der eigenen Geschichte bastelt der geschwätzige Revolverheld gerne herum. So entstehen viele kuriose Momente, die den Spielablauf verändern und für Überraschung sorgen. So taucht eine Leiter aus dem Nichts auf, weil Silas Geschichte ein paar Löcher hat, werden Indianer zu Cowboys, weil sich der Erzähler vertan hat, oder müssen ganze Abschnitte mit einigen Veränderungen wiederholt werden, weil die Zuhörer ernste Zweifel an der Version des Revolvermannes haben.

Wer früher zieht, ist länger lebendig

Die tolle Westernatsmosphäre wird noch durch die Duelle abgerundet, die an fast jedem Kapitelende warten. Dabei steht Silas meist einer der bereits erwähnten historischen Figuren gegenüber und der Spieler muss dafür sorgen, dass die Hand über dem Colt und das Fadenkreuz möglichst genau auf dem Gegner platziert wird. Dies sorgt für einige spannende Momente, denn mit beiden Analogsticks die beste Position zu erreichen ist kompliziert und auf den höheren Schwierigkeitsgraden richtige Fummelarbeit. Ist der passende Moment gekommen, darf der Colt gezogen und abgedrückt werden. Wer seinen Duellanten ehrenhaft erledigen will, wartet bis dieser zuerst gezogen hat, und tut es ihm erst dann gleich – das erhöht zwar die Herausforderung, gibt aber ein gutes Gefühl und einen Bonus in der Endauswertung.

Call of Juarez: Gunslinger hat mich komplett überrascht. Ehrlich gesagt, hätte ich Techland niemals zugetraut, dass sie der Western-Serie noch einmal neues Leben einhauchen können. Es wird nicht nur ein sehr gut spielbarer Ego-Shooter geboten, auch beim Design und der Story hat man sich einige Überraschungen einfallen lassen. Silas Geschichte ist mit ihren abwechslungsreichen Orten und den vielen Wendungen sehr unterhaltsam und wird bis zum Schluss nicht langweilig. Zwar gibt es auch einige repetitive Momente und letztendlich folgt doch nur eine Schießerei auf die Nächste, im Großen und Ganzen hatte ich jedoch eine wunderbare Zeit im Wilden Westen.

Rating: ★★★★☆

Offizielles Forum

Preis: 14,99€ (Steam)

Betriebssystem: Windows

Homepage / Forum (Steam)

Preis: 12,99€ / $14,99

Extras: keine

Homepage / Sony Entertainment Network

Preis: 1.200 Microsoft Points (zum Marktplatz)

Unlockables: keine

Homepage / Forum

Ähnliche Beiträge:
Scrap Metal
Seit ich das erste Video gesehen habe, bin ich Feuer und Flamme für Scrap Metal. Das Autorennen mit Waffen aus einer isometrischen Draufsicht, vom kleinen Indie-Entwickler Slick Entertainment, tritt kein ...
Weiterlesen
Torchlight
Wenn ihr Diablo oder einen der vielen Klone (Titan Quest, Sacred 2 etc.) kennt, dann kennt ihr auch Torchlight. Und das kommt nicht von ungefähr. Denn sämtliche Mitarbeiter des Entwicklers ...
Weiterlesen
Hotline Miami
Ein schwarzer DeLorean hält unter einer flackernden Straßenlaterne. Ein Mann steigt aus und zieht sich eine Schweinemaske über den Kopf. Sie stinkt nach billigem Kunststoff und er kann kaum darin ...
Weiterlesen
Limbo
Langsam baut sich vor unseren Augen ein leicht flackerndes schwarz-weiß Bild auf. Leises Rauschen ist zu vernehmen, vermutlich die Blätter der umstehende Bäume im Wind. Von einem Akteur fehlt zunächst ...
Weiterlesen
Mark of the Ninja
Mark of the Ninja hatte ich überhaupt nicht auf meinem Radar. Vor einer Weile habe ich einen netten Trailer gesehen aber, als ich erfuhr, dass das Spiel von den Machern ...
Weiterlesen
Faery: Legends of Avalon
Es kommt nicht oft vor, dass vollwertige Rollenspiele als reine Download-Titel veröffentlicht werden. Auch wenn Faery auf den ersten Blick durch den einigermaßen komplexen Charaktereditor das Gegenteil vermuten lässt, so ...
Weiterlesen
Scrap Metal
Torchlight
Hotline Miami
Limbo
Mark of the Ninja
Faery: Legends of Avalon